Adventskalender 7

 

Fünf Fragen an... PD Dr. phil. Rosmarie Barwinski



1. Welche/r KollegIn hat Sie am meisten beeinflusst und warum?

Ich hatte das Glück einigen sehr klugen und kreativen Menschen begegnen zu können.: Prof. Dr. Ulrich Moser, der meine Dissertation zum Thema Erwerbslosigkeit betreute; Dr. Leon Wurmser, der meine klinische Tätigkeit als Psychoanalytikerin wesentlich  beeinflusst hat sowie PD Dr. Thomas Kesselring und Prof. Dr. Dieter Wandschneider, deren philosophische Überlegungen die Grundlage zur Entwicklung meines eigenen Ansatzes waren.  

Am stärksten beeinflusste mich sicher in den letzten Jahren Prof. Dr. Gottfried Fischer (einer der führenden Psychotraumatologen im deutschsprachigen Raum), der leider vor zwei Jahren sehr plötzlich verstarb. Die Umstände und meine damalige Situation möchte ich kurz beschreiben: Nachdem ich einige Jahre an einer Frauenberatungsstelle gearbeitet hatte, begann das Thema „Trauma“ mich zunehmend zu beschäftigen. Gottfried Fischer lernte ich an einer Tagung in Zürich kennen. Seine Konzepte prägten nicht nur meine Arbeit als Psychoanalytikerin, sondern halfen mir auch Antworten auf Fragen zu finden, die mich schon lange in theoretischer Hinsicht beschäftigten. Zum Beispiel: Spielt Wissen über die Ätiologie einer Störung , wie zum Beispiel Trauma, nicht eine bedeutende Rolle für die Behandlung? Und ist es nicht zentral, dass auch der Kontext, in dem ein Mensch lebt, wesentlich dazu beiträgt, ob ein Mensch Krisen meistern kann? Für beide Fragen fand ich Hinweise in seinen Überlegungen: Die Ätiologie bestimmt nach seiner Meinung die Behandlungstechnik und der ökologische Kontext, in dem ein Mensch lebt, erlaubt erst eine Einschätzung darüber, ob ein Symptom krankheitswert hat oder als Resultat einer aussergewöhnlichen Situation betrachtet werden muss. Über die Psychotraumatologie hinaus, suchte er nach einer allgemeinen Transformationslogik, wie man sich menschliche Veränderung in der Psychotherapie vorstellen kann. In meinem Buch „Resilienz in der Psychotherapie“ habe ich versuchte, seine Überlegungen zu ergänzen, aber auch andere Wege zu gehen, um einen Beitrag zur Beantwortung der aufgeführten Fragen zu leisten.

 

2. An welche kuriose/lustige/ungewöhnliche Situationen im Berufsalltag denken Sie gerne zurück?

Mir kommt eine Situation in den Sinn, die sicher ungewöhnlich war. Dass sie lustig war, kann ich allerdings nicht behaupten. Ein Kollege hatte mich gefragt, ob ich einen kleinen Vortag in einem Literaturarbeitskreis halten könne. Er sei unter Zeitdruck und wäre froh, wenn ich das übernehmen könne. Ich sagte spontan zu, ohne zu ahnen, was da auf mich zukommen würde. Als ich dann beim Arbeitskreis ankam, stand ich vor einer Hörerschaft von ca. 300 Personen. Ich war vollkommen überrumpelt, aber mich verabschieden und weglaufen – was ich am liebsten gemacht hätte war nicht möglich. Irgendwie habe ich den Vortrag und die folgende Diskussion hinter mich gebracht. Zurück blieb sicher ein Stolz, diese Situation gemeistert zu haben, aber auch der feste Vorsatz, dem ich seitdem auch gefolgt bin, dass ich genauer nach dem Kontext frage, wenn man mich um einen kleinen Gefallen bittet.

 

3. Wollten Sie schon immer werden, was Sie jetzt sind?

Ich wollte bereits Psychoanalytikerin werden, als ich kurz vor Abschluss des Gymnasiums stand. Einige Woche vor den Abschlussprüfungen organisierte die Schulleitung einen Berufs-Informationstag. Wochen zuvor durften alle zukünftigen Abituranden angeben, welche Arbeitsfelder sie interessieren würden. Die Schulleitung bemühte sich in der Folge, Fachpersonen einzuladen, die den Berufswünschen der AbsolventInnen entsprachen. Eine Psychoanalytikerin bzw. einen Psychoanalytiker, die/der Auskunft über ihre/seine Tätigkeit geben könnte, konnten die Organisatoren des Informationstags nicht finden. Dafür schafften sie es, den Bruder einer Psychoanalytikerin, der Internist war, für die Veranstaltung zu gewinnen. Er bemühte sich aufrichtig all meine Fragen zu beantworten, aber musste häufig passen. Trotz dieser eher ernüchternden Erfahrung blieb ich bei meinem Berufswunsch, obwohl mir damals sicher nicht klar war, was Psychoanalytiker eigentlich machen. Ich kannte Schriften von Sigmund Freund und Karen Horney u.a., die mir doch recht widersprüchlich erschienen. Einen eigenen Standpunkt zu finden, brauchte in der Folge lange Zeit. Heute denke ich, dass dies ein Prozess ist, der für mich hoffentlich nie ganz abgeschlossen ist.

 

4. Welches Fachbuch haben Sie zuletzt gelesen?

Zuletzt las ich ein Buch von Markus Erismann („Antinomie der Scham“, 2015, Asanger Verlag), einem in Zürich lebenden Philosophen.  Er beschäftigt sich in seinem Werk mit dem Antinomie-Begriff, der auch in meinem Buch zur Resilienz von zentraler Bedeutung ist. Wie andere Autoren kommt er zum Schluss, dass  das zentrale Merkmal einer Antinomie eine negative Selbstbezüglichkeit ist: genauer ein Zugleich von Selbstbeziehung und Negation dieser Selbstbeziehung. Neu an seinem Ansatz ist, dass er die Antinomie und deren Struktur auf „das psychologische Subjekt in seiner Entwicklung“ bezieht. Zur Illustration möchte ich ein Beispiel anführen:  Erlebt ein Kleinkind, dass seine Bedürfnisse von seinen wichtigsten Bezugspersonen ignoriert werden, dann führt dies dazu, dass seine Empathie-Erwartung frustriert wird, was Empfindungen der Enttäuschung sowie erste Scham- und Selbstempfindungen ausgelöst. Diese Empfindungen bewirken, dass sich das Kleinkind wieder sich selbst zuwendet, um Möglichkeiten der Überbrückung der Diskrepanz zu finden. Ist die Diskrepanz zwischen Erwartungen und Erfahrungen zu groß, führt die Rückwendung zu sich selbst jedoch zur Abwendung von sich selbst, weil mit der Zuwendung zum Selbst der Mangel spürbar wird.

Diese Bewegung, das pendeln zwischen Selbstsein und Nichtselbstsein, zeigt sich auf allen Entwicklungsstufen ausgehend von der basalen Selbstbeziehung bis zum selbstreflexiven Selbstbewusstsein. Erismann zeigt auf, dass mit dem Verlust des Bezugs zu sich selbst eine Entwicklungskrise ausgelöst wird, die das Subjekt sowohl in einen ständig in Oszillation befindlichen Erstarrungszustand führen kann, aber auch als Auslöser für psychische Entwicklung fungieren kann.

 

5. Welches Buch sollte jede/r KollegIn mal gelesen haben?

Am tiefsten beeindruckte hat mich in letzter Zeit die Autobiographie des bekannten Resilienzforschers Boris Cyrulnik („Rette dich, das Leben ruft“, 2013, Ullstein). In seinem Werk schildert er seine Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Dass er trotz seiner Extremtraumatisierungen sein Leben glücklich und erfolgreich gestalten konnte, macht Mut und zeichnet ihn als Menschen mit einer hohen Resilienz aus.

Boris Cyrulnik wuchs als jüdisches Kind im Nationalsozialismus in Frankreich auf. Er verlor seine Mutter mit sechs Jahren – sie wurde verhaftet und umgebracht, sein Vater hatte in der Fremdenlegion gedient, wurde folgend in einem Lager interniert und galt kurz darauf als verschwunden. Mit sechs Jahren entging er durch die Hilfe seiner Erzieherin  knapp einer Verhaftung. Er erinnerte sich, dass sie zu den bewaffneten Männern, die sein Bett umringten, um ihn zu töten, sagte: „Wenn Sie ihn leben lassen, sagen wir ihm nicht, dass er Jude ist.“ „Ich wusste nicht, was es heißt, Jude zu sein, aber ich hatte gerade gehört, dass es genügt, es nicht zu sagen, um leben zu dürfen. Einfach!“ (S. 12). Er führt an anderer Stelle weiter aus: „Meine Beziehungsstrategie war klar: mit den anderen schwatzen, um sie zu amüsieren, zu unterhalten und mich hinter den ausgetauschten Wörtern zu verbergen“ (S. 52).

Boris Cyrulnik beschreibt, dass seine Strategie ihm zwar lange Zeit half, seinen Schrecken vor sich und anderen erträglicher zu machen, aber um den Preis einer tiefen Kluft zwischen sich und den anderen. Die Bewältigungsstrategie, die ihm in seiner Kindheit das Leben rettete, wurde immer mehr zum Grund dafür, dass er am Leben nicht teilhaben konnte.

Cyrulnik erkannte allmählich die Nachteile seiner Überlebensstrategie und realisierte, dass sie sich, man könnte sagen, selbständig gemacht hatte. Diese Strategie war seiner aktuellen Situation nicht mehr angepasst, sondern bewirkte das Gegenteil ihrer ursprünglichen Funktion: Man schloss ihn aus, weil er nichts von sich zeigte und so anderen einen emotionalen Zugang zu sich verweigerte. Cyrulnik gelang es, aus diesem selbst errichteten inneren Gefängnis auszubrechen und seine ehemals überlebenswichtigen Bewältigungsversuche der aktuellen Realität anzupassen. Sein „Traumakompensatorisches Schema“ wurde zum salutogenetischen Mechanismus.


Über Rosmarie Barwinski

Barwinski

PD Dr. phil. Rosmarie Barwinski; Psychoanalytikerin, Psychotherapeutin SPV/FSP; eigene Praxis in Winterthur; Privatdozentin an der Universität zu Köln; Leiterin des Schweizer Instituts für Psychotraumatologie; Mitherausgeberin der Zeitschrift „Trauma“ (Asanger-Verlag) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Psychotherapie-Wissenschaft“ (Assoziation Schweiter Psychotherapeuinnen und Psychotherapeuten); Supervisorin und Dozentin am Psychoanalystischen Seminar Zürich; zahlreiche Veröffentlichungen im Bereich der Psychotraumatologie und Psychotherapieforschung (neueste Veröffentlichung: „Resilienz in der Psychotherapie“. Klett-Cotta, 2016).