»Aber es macht mich sehr glücklich, unterrichten, schreiben und vortragen zu dürfen.«

Ariadne von Schirach

1. Welche/r KollegIn hat Sie am meisten beeinflusst und warum?

Ich bewundere Sören Kierkegaard. Er war nicht nur ein origineller Philosoph und ein kluger Psychologe, sondern er hat in seinem Denken immer wieder das Andere – z.B. das Andere der Vernunft – und vor allem den Anderen in den Mittelpunkt gestellt. Für ihn ist Mitgefühl die Fähigkeit zu begreifen, dass ich meinen Mitmenschen verstehen kann, weil ich tatsächlich er oder sie sein könnte und deshalb nachvollziehen kann, wie sich jemand in dieser oder jener Lage fühlt. Diese Art der Empathie brauchen wir gerade mehr denn je.

 

2. An welche kuriose/lustige/ungewöhnliche Situationen im Berufsalltag denken Sie gerne zurück?

In meinem letzten Seminar an der UDK Berlin wurde über den Unterschied zwischen Spiritualität und Spiritualness (Spiritualität + Wellness + Business) gesprochen. Wir haben klassische Texte gelesen, von den Upanishaden über Rumi zu Theresa von Avila. Irgendwann fragte eine Studentin, warum die meisten Dokumente und Zeugnisse von Männern stammten und was man sich wohl unter einer spezifisch weiblichen Spiritualität vorstellen könne. Ein Kommilitone hat daraufhin zwei Bücher von zeitgenössischen spirituellen Lehrerinnen mitgebracht und erzählt, was er von ihnen gelernt hat. Das hat mich sehr beglückt.

 

3. Wollten Sie schon immer werden, was Sie jetzt sind?

Ich weiß gar nicht genau, was ich jetzt bin. Aber es macht mich sehr glücklich, unterrichten, schreiben und vortragen zu dürfen. Wobei ich immer wieder merke, dass ich vor allem eine begeisterte Leserin bin.

 

4. Welches Fachbuch haben Sie zuletzt gelesen?

Ich lese eher Sachbücher. Das letzte war „Das Ende der Aufrichtigkeit“ von Lionel Trilling. In diesem Essay widmet er sich dem Unterschied zwischen „Aufrichtigkeit“ und „Authentizität“. Da wir gerade in einer Zeit leben, in der wir alle möglichst wir selbst sein sollen, also authentisch, finde ich Trillings Plädoyer für die rollenbewusste und auf diese Weise auch durchaus wahrhaftige „Aufrichtigkeit“ inspirierend.

 

5. Welches Buch sollte jede/r KollegIn mal gelesen haben?

Ich empfehle Isiah Berlins Vorlesungen „Die Wurzeln der Romantik“. Obwohl es darin auf den ersten Blick ganz spezifisch um den Unterschied zwischen zwei Epochen geht, stehen dahinter doch zwei ganz unterschiedliche Arten des Denkens und Lebens – auf der klassischen Seite der Glaube an eine vernünftig eingerichtete und lesbare Welt mit klaren Regeln und Anweisungen, was ein gutes Leben zu sein hat und wie man es führen kann, auf der romantischen Seite die Einsicht, dass der Lebensprozess ziellos und ungeordnet ist, und es nicht um Regeln, sondern um Vitalität, Subjektivität und das eigene Begehren geht. Diesen widersprüchlichen Wahrheiten in seinem eigenen Leben immer wieder aufs Neue Ausdruck zu verleihen betrifft meiner Meinung nach auch Fragen von geistiger Gesundheit und der Möglichkeit von Heilung, Wachstum und Veränderung.

 

Über Ariadne von Schirach:

Ariadne von Schirach

Ariadne von Schirach studierte Philosophie in München und Berlin. Sie lehrt an der Berliner Universität der Künste und ist Gastdozentin an der HFBK in Hamburg und an der Donau-Universität Krems. Sie arbeitet als freie Journalistin und Kritikerin und wurde bekannt als Autorin der Sachbuch-Bestseller »Der Tanz um die Lust« und »Du sollst nicht funktionieren«. Ihr neues Buch »Ich und du und Müllers Kuh« ist im August 2016 erschienen.

 

Buchdeckel „978-3-608-50232-9