Neurobiologische Modelle der menschlichen Selbstkontrolle konzentrieren sich auf Mechanismen der Impulskontrolle und der Gefühlsregulation. Jüngste Forschungsergebnisse an der Universität Zürich und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zeigen, dass Selbstkontrolle auch durch Mechanismen zur Überwindung von Selbstzentriertheit verstärkt werden kann. Diese Erkenntnis eröffnet neue therapeutische Ansätze.


Sollte ich ein neues Auto kaufen oder mein Geld für den Ruhestand zurücklegen? Solche Situationen erfordern Selbstkontrolle, um der akuten Versuchung widerstehen zu können und sich im Einklang mit seinen zukünftigen Interessen zu entscheiden. Es ist mittlerweile eine gesicherte Erkenntnis, dass Mechanismen im präfrontalen Kortex, Selbstkontrolle dadurch bewirken, dass Verlockungen in Schach gehalten werden. - Der präfrontale Kortex ist eine Region im Gehirn, die für Denken, Entscheiden und höhere Kognition verantwortlich ist. - Nun zeigt die Studie eines Teams der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich und der Experimentellen Psychologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, dass ein zweiter Mechanismus ebenfalls von Bedeutung für die Selbstkontrolle ist: Die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit auf zukünftige Bedürfnisse zu richten.

Die Gruppe um Alexander Soutschek, Christian Ruff, Tobias Kalenscher und Philippe Tobler untersuchten eine Region des menschlichen Gehirns, die uns erlaubt, die Sicht einer anderen Person während sozialer Interaktionen einzunehmen. Zu ihrer eigenen Überraschung fanden die Wissenschaftler heraus, dass diese Hirnregion auch eine entscheidende Rolle in Situationen spielt, in denen keine andere Person involviert ist.

In der Studie, über die die Autoren in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Science Advances“ berichten, trafen Testpersonen zwei Arten von Entscheidungen: Sie wählten zwischen einer kleineren, sofort verfügbaren finanziellen Belohnung oder einer größeren Belohnung in der Zukunft, sowie zwischen einer Belohnung nur für sie selbst, oder einer Belohnung, die zwischen ihnen und einer anderen Person geteilt wurde. Die Forscher deaktivierten mithilfe nicht-invasiver Hirnstimulation die sogenannte „temporo-parietale Grenze“, eine Region an der hinteren Außenseite des Gehirns. Nach dem Ausfall dieser Hirnregion tendierten die Probanden der Studie zu Entscheidungen, die impulsiver (z.B. die Wahl der sofortigen Belohnung) und selbstsüchtiger (z.B. die Wahl des ausschließlich eigenen Nutzens) waren, und sie konnten schlechter die Perspektive anderer Personen einnehmen.

Der Zusammenhang zwischen dem Vermögen, Geduld auszuüben und der Fähigkeit, die Perspektive Anderer einzunehmen wirft ein neues Licht auf die psychologischen und neurobiologischen Gründe der Selbstkontrolle. „Aus einer neurowissenschaftlichen Sicht bewertet die temporo-parietale Grenze vermutlich das zukünftige Selbst wie eine andere Person“, erklärt Alexander Soutschek, Universität Zürich. „Das bedeutet, dass dieselben Hirnmechanismen, die notwendig sind, um Geduld für eine zukünftige Belohnung aufzubringen, auch die Fähigkeit steuern könnten, Geld und andere Güter mit anderen Menschen zu teilen.“

Diese Erkenntnis eröffnet aus Sicht der Wissenschaftler neue therapeutische Wege, Defizite bei der Selbstkontrolle, die z.B. Suchterkrankungen oder Fettleibigkeit zu Grunde liegen, zu behandeln.

Literatur:
Alexander Soutschek, Christian C. Ruff, Tina Strombach, Tobias Kalenscher, Philippe N. Tobler. Brain stimulation reveals crucial role of overcoming self-centeredness in self-control. Science, Advances, October 19, 2016, doi: 10.1126/sciadv.1600992

Kontakt:
Prof. Dr. Tobias Kalenscher
Vergleichende Psychologie, Institut für Experimentelle Psychologie
Heinrich Heine University Düsseldorf, Universitätsstr. 1, 40225 Düsseldorf
Email: Tobias.Kalenscher@uni-duesseldorf.de
Phone: +49-211-81-11607

Dr. Alexander Soutschek
Department of Economics
University of Zurich
Phone: +41 44 634 43740
E-mail: alexander.soutschek@econ.uzh.ch