Fehler Nr. 2: Sie stellen die falschen Selbstdiagnosen des Klienten nicht in Frage

Fehler 2


Wie sollten wir – als Therapeuten – vorgehen, um einzuschätzen, wie die Klienten selbst ihre Probleme einschätzen? So wie Stachelschweine Liebe machen – mit großer Vorsicht und auch mit einer ordentlichen Portion Skepsis. Manche Klienten haben durchaus eine klare Vorstellung vom Wesen ihres Problems: »Ich sterbe vor Angst, wenn in der Öffentlichkeit sprechen muss«, »Ich muss meinem Freund gegenüber selbstbewusster auftreten« oder »Ich bin süchtig nach Pot«. Doch genauso häufig trifft man auf Klienten, die mit ihren Selbstdiagnosen völlig danebenliegen. Solche »Fehldiagnosen« nicht zu überprüfen, kann zu therapeutischen »Fehlbehandlungen« führen.

Der 17-jährige Alex hatte eine lange Geschichte angerichteten Unheils – zu Hause und in der Schule. Sein Schulpsychologe tippte auf eine bipolare Störung und Alex war überzeugt, dass er unter der schlimmsten Form dieser Krankheit litt. Ein Psychiater wurde konsultiert, der die diagnostizierte bipolare Störung Typ II bestätigte. Er verordnete Lithium, aber überraschenderweise verstärkten sich die aggressiven Ausbrüche gegenüber Autoritätspersonen. Als ein Jahr später noch immer keine Besserung eingetreten war, waren die Eltern die Psychotherapie und die Medikation leid und schickten Alex zu seiner Tante ins ländliche Montana. Seine »ungeschulte« Tante nahm sich Alex zur Brust, und er gab zu, dass er zu Hause ziemlich viel gekokst hatte. Danach stellte ein örtlicher Psychologe die korrekte Diagnose, dass Alex unter einer Störung des Sozialverhaltens litt, und mit Hilfe eines strukturierten und drogenfreien Tagesablaufs fing er an, signifikante Fortschritte zu machen.

Noch komplizierter wird es, wenn Partner, Eltern oder andere Hobbypsychologen ihre Diagnosen stellen:

Brett wurde an den psychologischen Dienst des College überwiesen, weil seine Eltern überzeugt waren, dass er unter ADHS litt. Auf die Frage, warum seine Eltern dieser Ansicht seien, erklärte Brett, der Grund sei, dass er seinen Eltern häufig ins Wort falle, wenn sie eine Unterhaltung führten. Und dass er manchmal, wenn er gestresst sei, dazu neige, auf- und abzugehen. Brett hatte sein Leben lang darum gekämpft, sein Stottern und die Selbstbefangenheit, die mit diesem Problem einherging, zu überwinden. Dass seine Eltern ihn abstempelten, machte ihm schwer zu schaffen. Zu seiner Erleichterung erfuhr er, dass er keines der Kriterien erfüllte, die eine ADHS-Diagnose rechtfertigen würden. Dass er seine Eltern bei Gesprächen unterbrach, hing damit zusammen, dass er das Sprechen in der Öffentlichkeit »überlernt« hatte, und war kein Zeichen mangelnder Impulskontrolle.

Mitunter kann ein scharfsichtiger Therapeut seine Klienten von einer unzutreffenden Diagnose abbringen:

Mandy, eine 36-jährige Frau mit Eheproblemen, definierte ihr Problem recht selbstbewusst als »Co-Abhängigkeit«. Sie erklärte, dass ihr Ehemann nicht zur Therapie kommen wolle, weil er nichts davon halte, aber das sei verständlich, weil es ja ihre Co-Abhängigkeit sei, die den Ehekonflikt verursache. Ein Eingangstest ergab, dass bei ihrem Ehemann kein Substanzmissbrauch vorlag. Daraufhin forderte der Therapeut Mandy auf, zu beschreiben, was sie mit »co-abhängig« meinte. Sie erklärte, dass sie sich ihrem Mann gegenüber nie behaupten könne, bei jedem Streit mit ihm den Kürzeren ziehe, weil er selbstsicherer, vernünftiger und schlagfertiger sei als sie. Sie wurde gebeten, ein Tagebuch über diese Streitigkeiten zu führen, und als sie es tat, zeigte sich, dass es in der Ehe tatsächlich relativ friedlich zuging, solange sie sich allen Wünschen ihres Ehemanns fügte. Nach der Auswertung der Tagebuchaufzeichnungen erkannte Mandy, dass sie nicht allein für die Eheprobleme verantwortlich war.

Den Fehler vermeiden

1. Seien Sie vorsichtig bei Klienten, die bei sich selbst ein »Syndrom du jour« diagnostizieren, das heißt solche Störungen, die gerade die Runde bei Fernseh-Talkshows und in populären Zeitschriften machen. Zu den neueren Beispielen gehören ADHS, bipolare Störung und »verdrängte Missbrauchs-Erinnerungen«.

2. Achten Sie auf die Neigung einiger Klienten, Diagnose-Etiketten anzuwenden, um sich selbst aus der Verantwortung für ihr Verhalten zu entlassen. Eine Collegestudentin zum Beispiel kam in die Therapie, weil sie plötzlich eine »Sozialphobie« entwickelte, nachdem sie erfahren hatte, dass sie für ihren College-Abschluss einen Kurs in freiem Sprechen absolvieren musste

 

Teil 1

 

Die Tipps stammen aus dem Buch "Was Therapeuten falsch machen"

Buchdeckel „978-3-608-94582-9