Fehler Nr. 5: Sie bringen die Kinder dazu, Ihnen nicht zuzuhören

Fehler 5

Weder Eltern noch Lehrer und auch nicht die am besten ausgebildeten Therapeuten können die Gefühle eines anderen Menschen manipulieren oder kontrollieren. Wir können Kinder nicht dazu inspirieren, freundlicher zu ihren Mitschülern zu sein, Hausaufgaben zu erledigen, ihre Pflichten zu erfüllen oder nicht mehr mit den falschen Leuten herumzuhängen. Wenn Eltern ihre Kinder zur Beratung bringen, haben sie bereits erfolglos jede erdenkliche Kommunikationsmethode ausprobiert, um ihre Kinder zu Veränderungen anzuregen.

Sie haben es mit Überredung versucht und eine Fülle von Gründen angeführt, aus denen das Verhalten unakzeptabel ist:

»In der Schule lernst du die wesentlichen Dinge, die du brauchst, um Erfolg im Leben zu haben.«

»Um Freunde zu finden, musst du lernen, mit anderen zu teilen und fair zu sein.«

Sie haben doziert:

»Wir alle haben unsere Verpflichtungen. Ich gehe jeden Tag zur Arbeit, oder? Na ja, und die Schule ist deine Arbeit. Wenn ich zur Arbeit gehe und den ganzen Tag nichts zustande bringe, was glaubst du, wie lange es dauert, bis man mich feuert? Das Gleiche gilt für die Schule.«

Sie haben es mit Warnungen versucht und mit bösen Folgen gedroht:

»Du wirst ohne Schulabschluss enden, wenn du dich nicht endlich auf den Hosenboden setzt.«

Nachdem sie ordentlich auf ihr Kind eingeredet haben – nicht einmal oder zweimal, sondern Dutzende von Malen über mehrere Monate –, ist die Therapie schließlich ihre letzte Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation.

Wie sollen wir vorgehen? Sicher sollten wir nicht dieselben Motivationsansätze wählen, die vorher schon auf taube Ohren gestoßen sind. Erstaunlicherweise erliegen viele von uns trotz ihrer Ausbildung der Versuchung, jungen Klienten Predigten zu halten. Natürlich mischen wir das je nach theoretischer Ausrichtung mit anderen Ansätzen, aber sehr häufig stellen wir fest, dass unser »innerer Elternteil« versucht, die Regie zu übernehmen. Und wenn es sich tatsächlich in der Therapiesitzung festsetzt, kann man beobachten, wie die Augen des Kindes glasig werden, der Bewegungsdrang zunimmt oder es darum bittet, zur Toilette gehen zu dürfen, ein Glas Wasser zu bekommen oder ein Spiel zu spielen. Es hat das alles schon einmal gehört – und ist bereit, sich aus der Therapie zu verabschieden.

Natürlich belegen wir unsere Motivationsversuche mit anderen Begriffen als Eltern oder Lehrer; wir überreden nicht einfach nur, wir bieten psychoedukative Informationen an; wir halten keine Vorträge, wir setzen auf Logik oder die sokratische Methode. Wie immer wir diese Versuche bezeichnen, im Großen und Ganzen sind die Ergebnisse dieselben. Die Kinder hören uns nicht mehr zu, schalten ab und sehen uns als Teil der riesigen Verschwörung von Erwachsenen, und die negativen Verhaltensmuster verfestigen sich immer weiter.

 

Den Fehler vermeiden

1. Verzichten Sie darauf, sofort zu einem förmlichen »Frage-und-Antwort«-Format anzusetzen. Erzählen Sie stattdessen ein bisschen darüber, dass Kinder am Anfang meistens nur ungern mit dem Therapeuten reden und mitunter nicht einmal verstehen, warum sie überhaupt zur Therapie gehen sollen. Vermitteln Sie dem Kind, dass Sie nicht erwarten, dass es seine dunklen Geheimnisse oder tiefsten Ängste in den Sitzungen preisgibt und dass es eine gewisse Zeit dauert, bevor man sich in der Therapie wohl fühlt.

2. Überlassen Sie dem Kind eine gewisse Kontrolle über den Interviewprozess, wenn Sie zur Informationssammlung übergehen. So könnten Sie zum Beispiel sagen: »Jetzt muss ich ein paar Informationen darüber sammeln, wie es dir in der Schule oder zu Hause ergangen ist. Aber ich möchte sicherstellen, dass ich nicht zu viele Fragen stelle. Also sag mir, wenn du eine Pause machen möchtest oder keine Fragen mehr beantworten willst.« Dieser Ansatz lässt das Kind wissen, dass psychologische Beratung eine wechselseitige Angelegenheit ist und nicht einfach eine weitere Situation, in der die Autoritätsperson dominiert.

3. Fragen Sie während der Sitzung von Zeit zu Zeit, ob das Kind Fragen an Sie hat. Das könnten Sie einleiten durch eine Bemerkung wie: »Kinder wissen oft nicht genau, was bei einer Beratung geschehen soll. Was denkst du?« Betrachten Sie die Fragen des Kindes als Auftakt für eine wechselseitige Unterhaltung und nicht für eine Frage-und-Antwort-Sitzung



Die Tipps stammen aus dem Buch "Was Therapeuten falsch machen"

Buchdeckel „978-3-608-94582-9

 

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