Fehler Nr. 1: Sie vernachlässigen die früheren Therapieerfahrungen des Patienten

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Das Problem, mit dem Scott in der Therapie vorstellig wurde, klang nach einer typischen Flugangst. Eine Überprüfung seiner früheren Therapieerfahrungen ergab allerdings, dass man diese Störung bereits mit einem vollständigen Desensibilisierungsverfahren erfolglos behandelt hatte. Außerdem hatte er wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die in Zusammenhang mit dem Drogentod seines Sohnes stand, bereits eine Therapie gemacht. Obwohl es schmerzlich für ihn war, diese Informationen preiszugeben, waren sie entscheidend für die Entwicklung eines angemessenen Behandlungsplans.

Ohne eine peinlich genaue Überprüfung früherer Behandlungen hätte eine Therapie bei diesem Klienten bestenfalls fruchtlos und schlimmstenfalls verheerend verlaufen können. Mitunter empfiehlt es sich auch, herauszufinden, ob der Klient der Meinung ist, dass sein vorheriger Therapeut im Laufe der Therapie irgendwelche Fehler gemacht hat. Die Fragen: »Was war besonders hilfreich?« und »Was war weniger hilfreich oder ärgerlich?« können dazu beitragen, dass man nicht dieselben Fehler macht wie der frühere Berater. Ein Klient klagte zum Beispiel, dass der Therapeut während der Sitzung zu viele Aufzeichnungen gemacht hätte. Interessanterweise bemängeln andere Klienten, dass ihr Therapeut sich zu selten etwas notiert und sich nicht an einzelne, in der letzten Sitzung besprochene Ereignisse erinnert. »Jedem das Seine« – im Leben und in der Therapie.

 

Den Fehler vermeiden

1. Überprüfen Sie die früheren Therapieerfahrungen des Klienten durch verschiedene Fragen, zum Beispiel:

  • Wie lange hat die Therapie gedauert?
  • Wie war der Abschluss?
  • Wie war Ihre Beziehung zum Therapeuten?
  • Was war das Beste an dieser Erfahrung? Das Schlimmste?
  • Was würden Sie selbst rückblickend in den Sitzungen anders machen?
  • Inwiefern gehen Sie heute vielleicht anders in eine Therapie hinein als beim letzten Mal?

2. Berücksichtigen Sie, wie die Antworten des Klienten seine Ansichten und Erwartungen in Bezug auf die Therapie beeinflussen könnten:

Verschaffen Sie sich einen Eindruck davon, ob der Klient der Ansicht ist, dass die frühere Therapie in angemessenem Tempo vorangeschritten ist, oder ob er sich gehetzt oder ausgebremst fühlte. Diese Information ist hilfreich für die Erstellung eines Behandlungsplans mit angemessenem Timing.

Untersuchen Sie, wie der Abschluss der früheren Therapie verlaufen ist. Ein Klient, der die Therapie beendete, indem er einfach eines Tages anrief und den nächsten Termin absagte, wird sich wahrscheinlich wieder so verhalten. Um dieses Szenario zu vermeiden, sollte man den Klienten darüber aufklären, dass das Ende der Therapie genauso wichtig sein kann wie der Anfang, und ihn bitten, wenn irgend möglich an einem »Resümee« teilzunehmen, bevor er die Therapie beendet.

Ermitteln Sie die Qualität der Beziehung zum früheren Therapeuten. Diese Information kann hilfreich sein, um Alarmglocken läuten zu lassen, was mögliche Probleme bei der Begründung einer Arbeitsallianz betrifft. So berichtet eine Klientin vielleicht, dass sie häufig wütend auf den früheren Therapeuten war. In dieser Hinsicht vorgewarnt zu sein, gibt dem Therapeuten die Möglichkeit, sich auf das erneute Auftreten solcher Gefühle vorzubereiten

 

Die Tipps stammen aus dem Buch "Was Therapeuten falsch machen"

Buchdeckel „978-3-608-94582-9